In meinem Beitrag „Flecktarn Flashback“ möchte ich meine Erfahrungen als ehemaliger Soldat teilen und reflektieren, wie sich meine Identität nach dem Dienst verändert hat. Der Weg zurück ins “Zivilleben” war emotional herausfordernd und hat mir gezeigt, wie stark die Verbindung zu meinen Kameraden und dem Militär bleibt.
Wir befinden uns im Frühling des Jahres 2015, also ziemlich genau zehn Jahre zurück. Ich laufe leicht schnaufend auf meinen ersten beiden Kilometern aus meinem damaligen Wohnort Golm hinaus, habe meine Sportklamotten an und einen Rucksack mit Wasser auf dem Rücken. Geplant ist eine Runde von ungefähr zwölf Kilometern, hinein in das nächste Dorf Glindow und hindurch auf einer weiteren Verbindungsstraße, mit einem großen Bogen zurück nach Hause. Lieblingsmusik läuft über meine Kopfhörer und ich trotte in meinem typischen “Rucksacklauftempo” ganz locker dahin. Körperlich bin ich anwesend, doch gedanklich befinde ich mich an einem ganz anderen Ort, in einem ganz anderen Umfeld, in meiner Vergangenheit.
Als ich aus meiner Gedankenreise langsam wieder in der Gegenwart ankomme, Häuser meines Wohnortes hinter mir und grün blühende Getreidefelder um mich, schaue ich während des Laufens an mir herunter und wundere mich mit einem Mal. Mein linker Arm hängt lang an meinem Körper, vorn am Oberschenkel herunter. Nicht locker, sondern in leichter Grundspannung. Fast kommt es mir so vor, als würden Zeigefinger und Daumen der linken Hand irgendetwas umfassen. Mein rechter Arm hingegen ist verwunderlicher Weise angewinkelt und befindet sich auf der Höhe meiner rechten Brust, nahe meiner Achselhöhle. Die Hand ist geöffnet. Der Daumen liegt den aneinander gelegten Fingern gegenüber und die Hand umklammert ebenfalls etwas Unsichtbares.
Ich laufe weiter, schaue nach unten und verändere diese Position nicht, denn es fühlt sich gut an. Gewohnt. Gibt mir irgendein Gefühl von Sicherheit und kommt mir nur zu bekannt vor. Ich schaue auf meine Arme und beginne zu grübeln. Was mache ich da? Was halte ich fest? Als ich nachdenkend den Kopf hebe und den Horizont, die tief stehende morgendliche Sonne sehe, schießt es mir in den Kopf. Alles wird logisch und verbindet sich miteinander. Ich halte meine Waffe, mein vollautomatisches Sturmgewehr G 36 der Firma Heckler und Koch, in meinen Händen. 3,6 Kilogramm Stahl und Kunststoff. Es hängt an seinem schwarzen Textiltrageriemen um meinen Hals und über die rechte Schulter, denn ich bin ja Rechtsschütze.
Gefechtsanzug an, Helm auf dem Kopf und den Kampfrucksack geschultert, trotte ich dem Rucksack meines Vordermannes hinterher, dem viele weitere Kameraden vorauslaufen. Die gleiche Kette folgt mir auf den Fuß. Kameraden. Männer in enger Verbundenheit auf dem Weg, dem Marsch im Lauftempo zu einem Punkt X. Ich könnte die Kulisse beliebig mit Tages- oder Nachthintergründen, sowie allen Wettern und Jahreszeiten tauschen. Für jede dieser Szenen hätte ich Erinnerungen. Ob Andreczjack vor mir in der Grundausbildung, der im Winter 2003 auf dem Rückmarsch aus dem Biwak bei den Panzergrenadieren Schnee von den Leitpfosten an der nächtlichen Landstraße futterte oder Biedermann, dessen Rucksack mir beim Marsch auf den Brockenberg 2008 eine Abstandsorientierung gab, als wir alle gegen das Brennen in unseren Oberschenkeln und die Wadenkrämpfe kämpften.
“Doch nach zwölf Dienstjahren kann ich nicht einfach kein Soldat mehr sein. Das zu tun oder nicht mehr zu sein, wurde mir auf keinem meiner Lehrgänge beigebracht!”
Der nächste Gedanke wird zu einem Gefühl und trifft mich mit ungeahnter Wucht. Gefühlsachterbahn. Wehmut, Zugehörigkeit, Verbundenheit und Trauer über vergangene Zeiten mischen sich in mir zu einem melancholisch schweren, doch auch irgendwie wohltuenden Gefühlscocktail. Man haut das rein! Meine Augen unterlaufen und es entsteht ein Kloß in meinem Hals. Mit dieser Flut an Gefühlen kämpfend, unterdrücke ich Stärke suchend meine Tränen. „Das ist zu viel und es ist jetzt nicht dran, Gregor!“, ermahne ich mich selbst.
Ich bin seit fünf Monaten „raus“. Kein Soldat mehr. Doch nach zwölf Dienstjahren kann ich nicht einfach kein Soldat mehr sein. Das zu tun oder nicht mehr zu sein, wurde mir auf keinem meiner Lehrgänge beigebracht! Schon in den letzten Monaten meines aktiven Dienstes hatte ich diese Vorahnung, dass es mir alles andere als leicht fallen würde. Ich klammerte mich unbemerkt an jeden einzelnen Tag. War viel weniger vom allgemeinen Tagesdienst genervt, als es mich noch in der Mitte meiner Dienstzeit störte.
Da ich die letzten drei Jahre meines Dienstes in meiner Heimat verbrachte, weil ich zum einen Vater wurde und zum anderen meine Stammeinheit unter dem Rotstift des damaligen Verteidigungsministers Karl Theodor zu Guttenberg zum Opfer fiel, befand sich meine zuletzt aktuelle Kaserne in der Nähe meines Wohnortes und ebenfalls im Radius meiner Laufrunde. Ungefähr zehn Minuten später passiere ich das Haupttor der Henning von Tresckow Kaserne, dem Einsatzführungskommando Potsdam. Doch für mich ging es nicht durch das Haupttor nach meiner Laufrunde, um mich auf meiner Stube umzuziehen und dem weiteren Tagesdienst nachzugehen.
Auf Höhe des Haupttores überkommt mich der Impuls, stehenzubleiben, Blickkontakt mit einem wachhabenden Soldaten aufzunehmen und ihn über die uns trennende Straße mit dem militärischen Gruß zu grüßen. Verbindung herzustellen. Puh. Das kickt! Weiterlaufen! Kopf frei laufen! An die aktuellen Aufgaben denken. Augen immer frei geradeaus!
Habt ihr nach dem Ende eurer Dienstzeit ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie seid ihr mit den Gefühlen und Erinnerungen umgegangen, die weiterhin in euch leben? Der "innere Soldat" bleibt oft ein Teil von uns, auch wenn wir in die Zivilgesellschaft zurückkehren. Welche Strategien oder Wege habt ihr gefunden, um mit dieser Verbindung umzugehen, bzw. in welchen Situationen ist er euch eine absolute Hilfe. Ich lade euch ein, eure Gedanken und Erfahrungen in den Kommentaren zu teilen oder mir eure Geschichte zu senden. Gern helfe ich euch, diese in eurem Namen oder anonym zu veröffentlichen. Gemeinsam können wir voneinander lernen und uns gegenseitig unterstützen.